18
Soll ich mich lieber zurückziehen und euch in Ruhe lassen?«, erkundigte sich Veronique, die natürlich keinerlei Anstalten machte, das Büro zu verlassen. Sie trug ein tief ausgeschnittenes schwarzes Kleid mit einem hohen Schlitz an der Seite. Ich war mir ziemlich sicher, dass es ein Modell von Gucci war. Ihre rabenschwarzen, langen glatten Haare umrahmten ganz natürlich ihr perfektes Gesicht.
Thierry erhob sich vom Sofa, nahm meinen Pullover und reichte ihn mir mit einem entschuldigenden Ausdruck in seinen immer noch dunklen Augen. Ich drehte mich um und schlüpfte so schnell ich konnte in den Pullover.
»Veronique«, sagte er gleichgültig. »Ich habe nicht mit dir gerechnet.«
»Das sehe ich.«
»Hast du die ganze Reise von Paris hierher gemacht, um mich zu besuchen?«, erkundigte er sich.
»Ja, und ganz gewiss weißt du sehr genau, warum.«
»Gehe ich recht in der Annahme, dass es etwas mit den Papieren zu tun hat, die ich dir geschickt habe?«
»Allerdings. Du willst unsere Ehe annullieren?« Sie schüttelte den Kopf und lächelte. »Also wirklich, Thierry, nach all den Jahren hätte ich eigentlich etwas mehr von dir erwartet.«
»Tatsächlich? Was genau?«
Sie richtete ihren Blick auf mich und lächelte. »Sarah, wie schön, dich wiederzusehen, Liebes.«
»Danke gleichfalls«, erwiderte ich. Meine Stimme klang fast wie ein Quieken.
Verdammt. Wieso fühlte ich mich so unwohl? Ihre Ehe war lange vorbei. Ich brauchte kein schlechtes Gewissen zu haben. He, meine Beziehung zu Thierry war nicht gerade ein Geheimnis. Jeder wusste, dass wir zusammen waren. Veronique selbst hatte die ganze Sache stillschweigend geduldet, um nicht zu sagen, fast schon forciert. Sie hatte damit kein Problem!
Dennoch schämte ich mich gerade so sehr, dass ich am liebsten unter das Sofa gekrochen wäre.
Sie wandte ihre Aufmerksamkeit erneut Thierry zu. »Ich dachte, wir hätten eine Vereinbarung. Wir leben getrennt, und du kannst deinen ... Liebschaften nachgehen...«
Meine Miene verfinsterte sich. Liebschaften?
»Aber dass du es so weit treibst und eine Annullierung unserer Ehe beantragst...?« Sie schüttelte den Kopf. »Also wirklich. Ich halte diesen Schritt absolut nicht für notwendig.«
»Bei allem Respekt, Veronique. Das sehe ich anders«, erwiderte Thierry.
Sie nickte. »Verstehe. Ist das deine Entscheidung oder bist du dazu überredet worden?«
»Ich habe mich nur selten zu irgendetwas überreden lassen, wie du weißt.«
»Das stimmt. Aber du bist ein Mann und lässt dir leicht von etwas Neuem und Strahlendem den Kopf verdrehen. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass alle Männer gern auf Wanderschaft gehen, doch am Ende kehren sie dorthin zurück, wohin sie gehören. Ich schlage vor, dass du die Situation einmal aus meiner Perspektive betrachtest.«
»Und welche Perspektive wäre das, Veronique?«
»Wie würdest du dich fühlen, wenn irgendein junger Mann in mein Leben träte und ich alles für ihn aufgeben würde? Wenn ich diejenige wäre, die die Annullierung unserer Ehe beantragt hätte?«
Thierry musterte sie einen Augenblick und lächelte schwach. »Damit hätte ich kein Problem.«
Das brachte Veronique einen Moment aus dem Konzept. »Touché. Vielleicht war das kein besonders gutes Beispiel.«
Thierry drehte sich zu mir um. »Ich glaube, es wäre am besten, wenn Veronique und ich diese Angelegenheit allein besprechen.«
Das war die beste Nachricht, die ich heute gehört hatte. Abgesehen natürlich von der Tatsache, dass meine Nachtwandlertage der Vergangenheit angehörten. Von mir aus konnten Thierry und seine Nochehefrau die Angelegenheit mit der Annullierung gern allein austragen.
»Nein«, sagte Veronique. »Das geht Sarah genauso viel an. Hättest du sie nicht getroffen, wäre das schließlich überhaupt kein Thema zwischen uns, oder?«
»Nein, da hast du recht«, erklärte Thierry. »Es wäre kein Thema, denn dann wäre ich jetzt tot.«
»Ach ja, sie hat ja deine Pläne durchkreuzt, deinem langen Leben ein Ende zu setzen, ich erinnere mich.«
»Das hat sie.«
Veronique schien sich nur mit Mühe ein Lachen zu verkneifen. »Und dadurch hat sich deine Einstellung zum Leben derart verändert, dass du unsere Abmachung aufkündigen willst. Was hast du dann vor? Willst du etwa sie stattdessen heiraten?«
Er warf mir einen kurzen Seitenblick zu, bevor er Veronique wieder ansah. »Meine Zukunftspläne stehen hier absolut nicht zur Debatte.«
Sie seufzte. »So ein doppeldeutiges Geschwätz. Ehrlich, Thierry, ich bin sicher, hättest du dein Leben nicht als armer kleiner Bauer begonnen, wärst du gewiss Anwalt geworden.«
Seine Miene wirkte angespannt. »Weigerst du dich, die Papiere zu unterschreiben?«
Sie wartete so lange mit einer Antwort, dass ich mich kurz fragte, ob sie die Frage überhaupt gehört hatte. »Das habe ich noch nicht entschieden. Ich wollte vorher nach Toronto kommen, um mir ein Bild von deinen wahren Gefühlen zu machen. Ich glaube, jetzt verstehe ich nur allzu gut.«
»Du musst die Dokumente unterschreiben«, sagte er.
»Muss ich das? Tatsächlich?« Sie atmete einmal tief durch und lächelte wieder scheinbar vollkommen gelassen. »Ich wohne im Windsor Arms. Bitte lasst mich wissen, wenn ihr mich braucht. Da ich nun schon einmal hier bin, werde ich wohl ein paar Wochen bleiben. Gute Nacht.«
Sie drehte sich auf dem Absatz herum und rauschte aus dem Büro. Thierry machte Anstalten, ihr zu folgen, doch ich hielt ihn am Arm fest. Seine Muskeln waren so hart wie Drahtseile.
»Es ist schon okay. Lass sie gehen.«
»Sie ist die Frau, die mich am zweitstärksten von allen Menschen frustriert«, sagte er.
Ich runzelte die Stirn. »Wer ist die erste?«
Er sah mich an und lächelte trotz seiner Gereiztheit. »Das bist du.« »Du bist frustriert, ja?«
»Extrem.« Er nahm mein Gesicht in seine Hände und küsste mich zärtlich. »Ich muss mit ihr reden.«
»Nein, lass mich das machen«, sagte ich.
»Du?«
»Ob du es glaubst oder nicht, sie mag mich. Zumindest mochte sie mich. Vielleicht hört sie mir zu, wenn ich ihr alles unter vier Augen erkläre.«
»Von mir aus kannst du es herzlich gern versuchen.«
»Wünsch mir Glück.«
»Natürlich.« Er küsste mich wieder, dann lehnte er sich zurück und musterte mich besorgt. »Ändert es viel für dich, wenn sie die Annullierungsdokumente nicht unterschreibt?«
Ich berührte sein Gesicht und sah in seine silberfarbenen Augen. »Absolut. Dann ist es absolut aus zwischen uns.«
Er runzelte die Stirn.
»Ich mache nur Spaß«, sagte ich. »Meine Eltern werden zwar nicht gerade begeistert sein, wenn ich mit einem verheirateten Mann zusammenlebe, aber ich kann die Hürden des Lebens meistern. Das war eine dieser Wochen, die mir klargemacht hat, worauf es im Leben ankommt.«
Er drückte meine Hand und hob sie an seine Lippen. »Mir auch.«
Dann entließ er mich mit einem Lächeln, und ich verschwand aus dem Büro. Ich hoffte sehr, dass Veronique noch da war und ich ihr die ganze, etwas peinliche Situation erklären konnte.
Zum Glück hatte sie den Club noch nicht verlassen. Sie stand neben der Bar und plauderte mit Barry. Amy bahnte sich einen Weg durch die voll besetzten Tische zu mir. Aus den Lautsprechern drang gerade »Feeling Good« von Nina Simone. Hoffentlich war das ein gutes Omen.
»Diese Frau erschreckt mich zu Tode«, sagte Amy, als sie mich erreichte, und deutete mit einem Nicken in Veroniques Richtung.
»So schlimm ist sie gar nicht«, erklärte ich ihr.
Sie hob die Brauen. »Angesichts der Tatsache, wer sie ist, bin ich überrascht, dass du das sagst. Ich hätte keine Lust, einer von Barrys Exfrauen zu begegnen.«
Ich drehte mich zu ihr um. »Barry hat Exfrauen? Davon wusste ich ja gar nichts!«
Sie nickte. »Er war bereits fünfmal verheiratet. Der Mann zieht die Liebe förmlich an, aber jetzt gehört er ganz allein mir.«
»Richtig. Weiß er immer noch nicht, dass du in Thierry verknallt bist?«
»Ich dachte, wir wollten nicht mehr davon sprechen.«
»Entschuldige.«
»Ich meine, es ist doch nicht meine Schuld, dass dieser Mann ein absoluter Frauenschwarm ist.«
»Frauenschwarm?«, wiederholte ich. »Sagt man das heute noch?«
Sie verschränkte die Arme und musterte mich von den schwarzen Pumps bis zu meinen glänzenden, lockigen Haaren. »Es scheint dir deutlich besser zu gehen. Bist du etwa geheilt oder so etwas Ähnliches?«
Ich erzählte ihr von dem kleinen Überraschungsgeschenk. Sie freute sich sehr für mich und wirkte plötzlich etwas weniger ängstlich und schuldbewusst. Ich zog den Kragen meines Pullovers herunter, so dass sie die Kette sehen konnte.
Amy schüttelte den Kopf. »Wow, ich freue mich wirklich für dich, aber diese Kette ist wirklich abgrundtief hässlich.«
Ich strich sanft über die goldenen Kettenglieder. »Ich liebe sie.«
»Übrigens, weißt du, was ich gehört habe?«
Ich behielt Veronique im Auge. Was auch immer sie Barry erzählte, brachte ihn dazu, alle paar Sekunden in meine Richtung zu glotzen. Na toll. Es war offensichtlich, wen er in der Reißzahnversion von »Herzblatt« zu seiner Lieblingskandidatin erküren würde.
»Es geht um Gideon Chase«, fuhr Amy fort. »Weißt du, dass er gestorben ist, als er einen verrückten Dämon in Las Vegas abschlachten wollte? Kannst du dir das vorstellen? Deshalb ist das El-Diablo-Casino ausgebrannt.«
»Ich komme schon!« George schwebte mit einem Tablett voller Drinks an uns vorbei.
»Die Einzelheiten kannte ich nicht«, sagte ich.
»Das Casino ist durch ein Höllenfeuer bis auf die Grundmauern abgebrannt. Höllenfeuer! Ist das nicht abgefahren?«
»Ja, Höllenfeuer. Huh.« Ich hörte ihr nur abgelenkt zu.
»Darin ist Gideon gestorben. In einem Höllenfeuer. Offensichtlich hat es seinen Körper restlos zu Asche verbrannt. Es war nichts mehr von ihm übrig. Es gab nur einen leeren Sarg mit einem Foto darauf und einem Paar Schuhe darin.«
Veronique deutete jetzt auf mich, und Barry blickte mich finster an. Verdammt. Ich wünschte, mein Vampirgehör wäre besser. Ich versuchte so zu tun, als würde ich nicht darauf achten, also wandte ich mich wieder Amy zu.
»Woher weißt du all diese Neuigkeiten über Gideon? Steht das auf der Webseite der Vampirjägervereinigung von Amerika?«
»Nein. Quinn hat vor zehn Minuten angerufen. Eigentlich wollte er dich sprechen, aber ich wusste, dass du da drin beschäftigt warst.«
»Quinn? Er hat hier angerufen? Das ist schon das zweite Mal in dieser Woche.«
Sie nickte. »Er wollte außerdem berichten, dass er demnächst heiratet und wahrscheinlich nach Toronto zurückkommt, weil man ihn überall sonst auf der Welt hasst und umbringen will. Das hat er jedenfalls gesagt. Wir sind alle zur Hochzeit eingeladen.« Amy klatschte voller Freude in die Hände. »Ich liebe Hochzeiten!«
»Heiraten?« Okay, jetzt hatte sie meine ungeteilte Aufmerksamkeit. »Quinn heiratet? Michael Quinn? Wen?«
»Dieses total nette Mädchen, deine ehemalige Leibwächterin. Janie.« Sie strich sich über ihren strohblonden Pixie-Haarschnitt. »Ihr haben damals jedenfalls meine rosa Haare gefallen.«
Janie war eine Lügnerin und eine falsche Schlange. Außerdem hatte sie versucht, mich umzubringen, indem sie ihrem Auftraggeber, dem Meistervampir Nicolai, meinen Kopf auf einem Silbertablett serviert hatte. Zugegeben, am Ende hat sie mich gerettet, aber nur knapp. Hm. Und jetzt war sie mit Quinn verlobt?
Seit drei Wochen. Also wirklich. Drei Wochen, und schon war Quinn über mich hinweg?
Als mir klar wurde, was ich da dachte, lachte ich laut auf und schüttelte den Kopf. »Na dann, nur zu.«
»Quinn hat also angerufen und mir von seiner Verlobung erzählt und außerdem von dieser Sache mit Gideon. Er fand, du solltest das wissen.«
Gideon. Wenn es einen Mann gab, dessen Namen ich nie wieder hören wollte, obwohl ich ihm nie persönlich begegnet war, dann war es Gideon Chase.
Leb wohl, Gideon Chase, dachte ich. Ich kann nicht gerade behaupten, dass ich dich vermisse.
Veronique beugte sich vor und gab Barry etwas affektiert einen Kuss auf beide Wangen, ohne ihn allerdings zu berühren. Dann schlang sie ihre Hermelinstola um die Schultern und verließ den Club.
»Okay, danke für die Neuigkeiten«, sagte ich. »Ich muss jetzt Veronique davon überzeugen, dass Thierry und ich zusammengehören.«
»Oh. Klar. Na dann viel Glück.« Sie klang nicht sehr überzeugt.
Ich folgte Veronique aus dem Club in die Gasse.
»Veronique, warte!«, rief ich ihr nach.
Sie drehte sich um und hob eine perfekt gezupfte Braue. »Du möchtest mich sprechen, Liebes?«
»Ja. Hast du etwas dagegen?«
»Wieso sollte ich etwas dagegen haben?« Sie verzog ihre vollen roten Lippen zu einem gewinnenden Lächeln. »Komm.« Sie streckte mir die Hand entgegen. »Trinken wir etwas zusammen. Dahinten gibt es ein Café.«
Ihre Reaktion war erheblich freundlicher, als ich befürchtet hatte.
Es war dasselbe Café, in dem ich mit Heather und ihrem Freund an dem Abend gewesen war, als sie mich erstochen hatten. Sobald ich das Leuchtschild »The French Connection« sah, beschlich mich ein ungutes Gefühl, aber ich sagte nichts und ließ mir auch nichts anmerken. Als wir hineingingen, bestellte ich einen Kaffee. Schwarz. Veronique bestellte einen Café Latte und ein Croissant mit Aprikosenfüllung.
Ich hatte vorher nicht bemerkt, dass sie zu den glücklichen Vampiren gehörte, die noch feste Nahrung zu sich nehmen konnten, und das in ihrem hohen Alter. Diese Fähigkeit schien von einem biologischen Lotteriesystem verteilt zu werden, und Veronique hatte den Hauptgewinn gezogen. Unvorstellbar!
»Barry hat mir einiges von deiner unglücklichen Lage erzählt«, sagte sie. »Wie kommst du damit zurecht?«
»Es geht mir schon viel besser.« Ich beschloss, ihr die Neuigkeit über die Goldkette nicht zu verraten.
»Ich kann mich noch an die Zeiten erinnern, als die Nachtwandler die Erde bevölkert haben. Das war eine andere Epoche.«
»Sie wurden schließlich alle vernichtet.«
»Das stimmt.«
»Weil Thierry die Jäger mit Informationen versorgt hat.«
Veronique musterte mich einen Augenblick. »Das stimmt auch. Jedenfalls zum Teil. Zu jener Zeit war ich mit seiner Entscheidung keineswegs einverstanden. Obwohl die Nachtwandler bösartige Kreaturen waren, denen der Rest von uns bis heute seinen schlechten Ruf verdankt, fand ich es nicht richtig. Ich habe ihm sogar vorgeworfen, ein Verräter an seiner eigenen Spezies zu sein. Doch ich habe meine Meinung im Lauf der Zeit geändert.«
»Wieso?«
»Mit einem Nachtwandler kann man nicht vernünftig reden. Ich bin selbst einmal einem Nachtwandler beinahe zum Opfer gefallen.« Sie berührte abwesend ihren Hals, und ihre Miene verfinsterte sich. »Diese Kreatur war ausgesprochen gut aussehend und sehr charmant, jedenfalls, bis wir allein waren. Er fesselte mich, obwohl ich ihn angefleht habe, mich freizulassen, und hat mir beinahe den Hals aufgerissen.«
Ich hatte das Gefühl, als würde mir der Magen bis in die Kniekehlen rutschen. »O mein Gott, das ist ja furchtbar. Wie bist du da herausgekommen?«
»Der Rote Teufel hat mich gerettet.«
Offenbar habe ich sie ziemlich verdutzt angeglotzt, denn sie lächelte nachsichtig. »Ja«, sagte sie. »Ich habe gehört, dass du kürzlich auch mit ihm Bekanntschaft gemacht hast. Dass er nach so vielen Jahren wieder aufgetaucht ist, ist wirklich wundervoll.«
Ich erzählte ihr nichts von Thierrys Theorie, dass er nur ein Betrüger war. Stattdessen trank ich einen Schluck von dem heißen Kaffee vor mir. »Der Rote Teufel hat dich also gerettet«, sagte ich dann.
Sie nickte bedeutungsvoll. »Wenn er nicht gekommen wäre, würde ich jetzt nicht hier sitzen. Ich kann mich noch so lebhaft an den Abend erinnern, als wäre es erst gestern geschehen.« Sie seufzte und schüttelte sich sichtlich. »Er war einfach unglaublich. So groß, so attraktiv, so ... männlich.«
»So attraktiv?«, wiederholte ich. »Hast du denn sein Gesicht gesehen?«
Das verwirrte sie etwas. »Nein, eigentlich nicht. Er trug eine Maske. Natürlich eine rote Maske. Aber ich habe keinen Zweifel, dass sich dahinter der attraktivste Mann der Welt verbarg.« Sie schob gedankenverloren das Croissant auf dem Teller hin und her, biss aber nicht davon ab. »Ich werde niemals vergessen, dass er mir das Leben gerettet hat. Er war damals so überwältigt von mir, dass er mich gefragt hat, ob wir ein Liebespaar sein könnten, doch ich habe abgelehnt. Manchmal frage ich mich, wie es wohl wäre, einen so charmanten und wunderbaren Mann zu haben.«
Ich fragte mich, was mit der Maske passiert war. Mein Roter Teufel hatte schließlich nur einen Schal über dem Gesicht getragen. »Er hat mir ebenfalls das Leben gerettet.«
»Ja, das habe ich gehört.«
»Von Barry.«
Sie nickte. »Barry hat mir eine Menge interessanter Dinge über dich erzählt, meine Liebe.«
Ich spannte den Kiefer an. »Ja, daran habe ich keinen Zweifel.«
Sie musterte mich. »Er hat mir zum Beispiel erzählt, dass du sehr in meinen Mann verliebt bist.«
Das überraschte mich. Das hatte Barry ihr erzählt? Ich fragte mich, wo der Haken war.
»Das stimmt«, erwiderte ich schlicht. »Ich liebe ihn. Es tut mir leid, wenn dich das verletzt.«
Sie lächelte. »Wieso sollte mich das verletzen?«
»Nun, immerhin bist du mit ihm verheiratet.«
Sie winkte beiläufig ab. »Du bist nicht die erste Frau, die sich in meinen Mann verliebt, und ich bin sicher, du wirst auch nicht die letzte sein. Von seiner kühlen Ausstrahlung fühlen sich genauso viele Frauen angezogen wie abgestoßen. Er hält es für einen Verteidigungsmechanismus, mit dem er andere um ihrer eigenen Sicherheit willen von sich fernhält. Doch Leute, die keinen großen Selbsterhaltungstrieb besitzen und unvernünftig sind, werden davon manchmal geradezu magnetisch angezogen.«
Als der Bäcker hinter dem Tresen ein frisch gebackenes Blech Biscotti aus dem Ofen zog, stieg mir der Geruch von Zimt in die Nase.
»Glaubst du, nur weil ich in Thierry verliebt bin, hätte ich einen zu schwachen Selbsterhaltungstrieb?«, fragte ich trocken. »Oder wäre unvernünftig?«
»Ich bin mir jedenfalls nicht ganz sicher.«
»Was hat Barry dir noch erzählt?« Ich trank einen Schluck von meinem bitteren Kaffee. »Nur fürs Protokoll, er kann mich überhaupt nicht ausstehen. Deshalb darfst du nicht alles, was er über mich erzählt, für bare Münze nehmen.«
»Auch das weiß ich nicht so genau, Liebes. Er gibt sich äußerlich ziemlich abweisend. Wenn jemand so lange lebt und mit den täglichen Schwierigkeiten des Vampirlebens zurechtkommen muss, errichtet er gewisse Fassaden und Mauern, um sich vor denen zu schützen, die ihm schaden könnten.«
»Wenn du meinst.«
Die Türklingel ertönte, als ein dick vermummtes Paar das Café betrat. Sie gingen zum Tresen, um ihre Bestellung aufzugeben.
Veronique fuhr mit dem Zeigefinger über den Rand ihres Glases. »Barry hat erzählt, dass er, als du Thierry kennengelernt hast, dich zunächst für ein albernes, geistloses Wesen gehalten hat, das nur an Thierrys Macht und Geld interessiert war. Er hat dir nicht getraut und hat nicht verstanden, wieso Thierry so viel Zeit mit dir verbracht hat. Als er dann auch noch feststellen musste, dass du Thierrys Blutdurst wiedererweckt hast, nachdem er ihn ein Jahrhundert lang unter Kontrolle gehalten hatte, war er absolut nicht erfreut. Er wollte, dass du aus dem Leben seines Meisters verschwindest.«
»Ja, das ist mir nicht neu. Das hat er mir sogar direkt ins Gesicht gesagt.« Ich erinnerte mich an ein kleines, gerötetes Gesicht, geballte, kleine Fäuste und an recht viel Gestampfe mit kleinen Füßen.
»Aber du hast dich geweigert zu gehen. Du hast dich sogar geweigert zu gehen, als mein Mann versucht hat, die Sache endgültig zu beenden. Er hat sogar das Haven verkauft, damit er das Land verlassen kann. Wieso?«
Wann genau hatte ich die Kontrolle über dieses Gespräch verloren? Hatte ich die Kontrolle überhaupt je gehabt? Ihre Fragen gingen mir auf die Nerven. Ich kam mir vor wie vor Gericht.
Ich zuckte mit einer Schulter. »Ich kann manchmal ein bisschen dickköpfig sein. Das gebe ich zu.«
Sie blickte mich ungerührt an. »Du erinnerst mich sehr an jemanden.«
Ich rutschte auf meinem Stuhl hin und her. »Ach ja?« Wollte ich wirklich wissen, an wen?
Sie verzog die Lippen. »Du erinnerst mich an mich selbst.«
»Tatsächlich?«
Veronique maß mich kühl von Kopf bis Fuß, als würde sie auf dem Markt den Wert einer Kuh abschätzen. Oder eines Schafs. »Manche sehen in dir eine dickköpfige Frau und halten dich nur für eine Nervensäge. Ich sehe etwas anderes. Ich sehe jemanden, der weiß, was er will. Eine entschlossene Frau mit einem starken Geist. Ich bin über die Jahre vielen Vampiren begegnet. Vielen weiblichen Vampiren. Aber es gibt zufällig nur einen weiblichen Meistervampir, weil der Rest der Frauen in ihrer Schwäche den Jägern zum Opfer gefallen ist.«
Ich sah sie verwirrt an. »Du?«
Sie nickte. »Man braucht eine Menge mehr als nur Glück, um so lange zu überleben wie ich. Ich hatte durchaus Zweifel an dir, Sarah. Ich habe Barrys ersten Eindruck zunächst geteilt, mich über dich lustig gemacht und gedacht, du wärst nur eine angenehme Ablenkung für Thierry, mehr nicht. Und obwohl wir uns alles in allem nur eine kurze Zeit kennen, muss ich meine Meinung über dich wohl ändern. Ich glaube nicht, dass du nur aus selbstsüchtigen Motiven an meinem Mann interessiert bist.«
»Das bin ich auch nicht«, sagte ich empört.
»Nein, das bist du nicht.« Sie legte ihren Kopf auf die Seite, eine Geste, die bei ihr sehr apart wirkte. »Du liebst ihn wirklich.«
Ich nickte und hatte einen Kloß im Hals. »Es tut mir leid.«
»Du brauchst dich dafür nicht zu entschuldigen. Man muss sich nie dafür entschuldigen, dass man jemanden liebt.« Ihre Augen nahmen einen entrückten Ausdruck an.
»Nach Marcellus weiß ich sehr genau, wie sich wahre Liebe anfühlt. Sie ist allumfassend. Sie ist eine Obsession. Sie kann vollkommenen Schmerz und absolutes Glück bedeuten.«
Ich nickte. »Das bringt es ganz gut auf den Punkt.«
Zwischen ihren Augenbrauen bildete sich eine leichte Falte, als sie sich total auf mich konzentrierte. »Eine so tiefe Liebe habe ich für Thierry nie empfunden. Seine Gegenwart hat mein Herz nie schneller schlagen lassen. Noch hat er mir jemals das Herz gebrochen. Nach Marcellus Tod ist mein Herz für alle anderen erkaltet. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich schon so lange lebe. Ich habe mir niemals von irgendwelchen Gefühlen den Kopf verdrehen lassen. Ich hatte kein Bedürfnis nach einer verrückten Liebesgeschichte und war in jeder Lage stets fähig, nüchterne Entscheidungen zugunsten meines Überlebens zu treffen.«
Ich wusste nicht genau, was ich dazu sagen sollte, also schwieg ich und trank noch einen Schluck Kaffee.
Ihr Blick war fest auf mich gerichtet. »Es ist irgendwie ein Rätsel, findest du nicht?«
»Was?«
»Die Liebe. Die Welt um uns herum findet es so leicht, sich gegenseitig zu hassen. Überall auf der Welt trieft die Erde vor Hass. Liebe kann alles heilen. Wieso ist es nur so schwer, das zu akzeptieren?«
»Du kannst mich offensichtlich verstehen.«
Sie befeuchtete ihre Lippen und strich gedankenverloren über den Rand ihres Glases mit Café Latte, von dem sie bislang keinen Schluck getrunken hatte. »Barry hat mir noch etwas erzählt, das ich eigentlich am interessantesten fand.«
»Was denn?«
»Er glaubt, dass Thierry dich ebenfalls liebt.«
Ich nahm vor Schreck einen so großen Schluck des heißen Kaffees, dass er in meiner Speiseröhre brannte. »Das hat er wirklich gesagt? Barry?«
Sie nickte. »Das gibt mir durchaus zu denken. Solange ich meinen Mann kenne, hat er nie tiefere Gefühle für irgendjemanden gezeigt. Ich habe sogar gedacht, er wäre für Gefühle absolut nicht empfänglich. Was ich ebenso für eine große Stärke hielt, wie es mich enttäuschte. Denn nur weil ich ihn nicht geliebt habe, heißt das nicht, dass ich mir nicht gewünscht hätte, von ihm geliebt zu werden. Die Liebe eines Mannes verleiht einer Frau Macht. Sie ist ihre größte Macht. Wer die Liebe eines mächtigen Mannes besitzt, kann seine Macht nach Lust und Laune nutzen.«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich möchte keine Macht ausüben. Ehrlich. Das ist nicht gerade ein Hobby von mir.«
Sie holte Luft und stieß sie wieder aus, dann ersetzte ein Lächeln ihre ernste Miene. Sie zog eine Zwanzig-Dollar-Note aus ihrer Brieftasche und legte sie auf den Tisch. »Das war wirklich eine nette Unterhaltung, Liebes. Wir müssen das wiederholen, solange ich in der Stadt bin. Aber jetzt möchte ich mich für den Rest des Abends in meine Suite zurückziehen.«
»Aber du hast noch nicht einmal dein Croissant gegessen.«
Sie lächelte. »Ich esse nichts, Sarah. Dennoch sehe ich keinen Grund, nicht so zu tun, als ob ich es könnte.«
Ich stand auf und wollte gerade etwas sagen, als sie sich vorbeugte und mir auf beide Wangen ihren affektierten Luftkuss gab.
»Gute Nacht, meine kleine Freundin.«
Ich folgte ihr hinaus auf den Bürgersteig, wo sie mit einer eleganten Handbewegung ein Taxi heranwinkte.
»Was wirst du jetzt tun?«, fragte ich lächelnd. Irgendwie war ich zuversichtlich, weil unsere Unterhaltung so gut gelaufen war. »Wirst du die Annullierungsdokumente unterzeichnen?«
Sie drehte sich zu mir herum. »Aber natürlich nicht.«
Mein Lächeln gefror. »Nicht? Aber ich dachte, du hättest mich verstanden. Ich dachte, du glaubst, dass Thierry und ich uns lieben und zusammen sein möchten.«
Sie tätschelte meine Wange, wie man es mit einem dummen Kind machte, das nicht verstand, wieso es nicht auf dem Familiendackel reiten darf. »Ich habe dir doch vorhin erklärt, Liebes, dass eine erfolgreiche Ehe sehr wenig mit Liebe zu tun hat, hm? Sie ist viel mehr als das.«
»Aber...«
»Nein, hör mir zu. Ich habe sehr viel Verständnis für deine Gefühle. Du und Thierry sollt so viel zusammen sein, wie ihr wollt. Ihr habt meinen Segen und könnt so glücklich sein, wie es euch möglich ist. Aber meine Ehe darf nicht an so etwas Läppischem wie einer zehn Wochen jungen Beziehung scheitern. Das kann ich nicht zulassen.«
Ich runzelte die Stirn. »Wenn es wegen des Geldes ist, bin ich sicher, dass Thierry eine Art Unterhalt zahlen kann oder so etwas Ähnliches, damit du deinen gewohnten Lebensstandard halten kannst.«
Sie öffnete die hintere Tür des Taxis, das jetzt am Straßenrand hielt, und warf mir einen Blick über die Schulter zu. Sie wirkte außerordentlich amüsiert. »Meine Liebe, in unserer Ehe besitze ich das Geld. Thierrys Finanzen sind in letzter Zeit merklich zusammengeschmolzen, weil er so viele Nachtclubs in der Stadt verloren hat. Seine Dependancen in den anderen Städten sind ebenfalls von den Jägern ausgehoben worden. Weil der Besitz von Vampiretablissements naturgemäß geheim gehalten werden muss, war sein Eigentum nicht ausreichend versichert. Meines Wissens ist alles, was noch übrig ist, das Geld, das er für das Haven bekommt. Es ist gut, dass er es verkaufen will, denn es wäre ohnehin bald geschlossen worden.«
Ich war fassungslos. »Das glaube ich nicht.«
Sie lächelte. »Wenn irgendjemand von dem Ende unserer Ehe profitieren würde, wäre er das. Aber da das keine Option ist, ist die Welt tadellos in Ordnung. Siehst du? Genauso soll es auch sein. Gute Nacht, Liebes.«
Sie stieg in das Taxi und schloss die Tür. Der Wagen fuhr los, und ich sah ihm nach, bis ich ihn nicht mehr sehen konnte.
Das war ja richtig gut gelaufen!
Thierry war fast pleite? Wann zum Teufel war das denn passiert? Und wieso hatte er mir nichts davon gesagt?
Wahrscheinlich irrte sich Veronique. Ich meine, hatte er nicht neulich Abend einen Haufen Bargeld in der Tasche gehabt? Außerdem, wie sollte ein bald siebenhundert Jahre alter Vampir kein finanzielles Polster für mögliche Notfälle zurückgelegt haben?
Ja, Veronique irrte sich. Eine andere Erklärung gab es nicht.
Was die Annullierung anging, war ich zwar ernüchtert, doch es war im Grunde nicht wirklich wichtig. Es wäre nur sehr schön gewesen. Ich hatte mir vorgestellt, wie ich in einem langen weißen Kleid den Gang hinunterschritt, an dessen Ende Thierry in einen Smoking gekleidet auf mich wartete, während Rosenblätter auf uns herabregneten. Ich hatte mir seit Kindertagen so eine märchenhafte Hochzeit gewünscht.
Leider kam ich mehr als ein halbes Jahrtausend zu spät, um meinen Prinz Charming zu bekommen, bevor ihn mir bereits eine Frau weggeschnappt hatte; eine, die noch nicht einmal daran glaubte, dass Liebe ein wichtiger Teil einer erfolgreichen Ehe war. Klar. Das war mal wieder typisch für mein Glück.
Aber letztlich war es gleichgültig.
Was wirklich zählte, war, dass mein Schock der Woche dank der Goldkette behoben war. Vielleicht war ich nicht vom Fluch geheilt, aber zumindest war es eine erträgliche Lage. Und Thierry und ich waren nach wie vor zusammen. Alles andere wäre nur Glasur auf einem Kuchen gewesen, der aber auch so schon ganz köstlich schmeckte.
Ich atmete aus und beobachtete, wie eine Wolke gefrorener Luft aufstieg und sich auflöste. Dann drehte ich mich um und lief die eineinhalb Blocks zurück zum Haven.
Ja, eigentlich ist alles cool, dachte ich, während ich durch den Schnee stapfte und mich im Geiste zum fünfzigsten Mal dafür in den Hintern trat, dass ich keine bequemeren Schuhe angezogen hatte. Aber wer hätte auch damit gerechnet, dass ich noch einen Spaziergang machen würde, nachdem ich mit der Frau meines Freundes Kaffee getrunken hatte?
Und das am Valentinstag? In tiefster Dunkelheit.
Um fast zehn Uhr abends.
Mutterseelenallein.
Ohne Leibwächter.
Mal wieder.
Ich blieb stehen und drehte mich um. Hatte ich da Schritte gehört?
Ich ging schneller.
Die Gasse zu dem geheimen Eingang des Haven lag direkt vor mir, und ich hatte mich gerade etwas entspannt, als ich um die Ecke bog. Und abrupt stehen blieb.
»Sarah«, sagte der Rote Teufel. Er lehnte an der kalten Mauer. An dem Schal, der sein Gesicht verdeckte, erkannte ich ihn sofort.
Letztlich wusste ich von ihm nur, dass er groß war. Ziemlich groß. Und gut gebaut. Nicht zu muskulös und nicht zu dünn. Athletisch. Das war alles, was ich sagen konnte, denn schließlich war er von Kopf bis Fuß in warme Winterkleidung einschließlich schwarzer Lederhandschuhe gehüllt. Genau wie das letzte Mal, als ich ihn getroffen hatte.
Nur dass er diesmal unter einer Straßenlaterne stand. Als er mich ansah, konnte ich erkennen, dass er grüne Augen hatte. Allerdings war das auch das Einzige, was unter dem Schal zu sehen war.
»He!«, erwiderte ich und war froh, dass meine Stimme in Anbetracht der Tatsache, dass er eine lebende Tote gerade zu Tode erschreckt hatte, fest und nicht zittrig klang. »Wie geht’s denn so?«
»Gut. Ausgezeichnet sogar.« Er schwieg einen Moment. »Hast du mein Geschenk erhalten?«
Unwillkürlich fasste ich mir an den Hals. »Ja. Ich kann dir gar nicht sagen, wie dankbar ich dafür bin. Es hat alles verändert.«
»Das habe ich mir gedacht.«
»Ich verstehe nur nicht, wieso du mir nicht bei unserer letzten Begegnung gesagt hast, dass du sie hast.«
»Ich wollte dich überraschen. Warst du überrascht?«
Ich nickte. »Sehr.«
Er sagte einen Augenblick nichts und beobachtete mich.
»Ich sollte wohl lieber wieder hineingehen«, bemerkte ich.
»Wo hinein?«, fragte er.
Ich biss mir auf die Lippe. Haven war ein geheimer Vampirclub. Die Betonung lag auf geheim. Wusste er, dass er fünf Meter vom nicht als solchem gekennzeichneten Eingang stand? Oder wollte er lediglich mit mir sprechen? Vielleicht wollte er mich dazu bringen, ihm den Laden zu zeigen und dann ... ja, was dann?
Bei diesem Gedanken musste ich spontan lachen.
»Was ist los?«, wollte er wissen.
Ich schüttelte den Kopf. »Nichts. Ich bin nur ziemlich paranoid. Nach den Erlebnissen der letzten Woche habe ich angefangen, an allem und jedem zu zweifeln.«
Er berührte seine Brust mit der behandschuhten Hand. »Auch an mir?«
»Ganz besonders an dir.« Ich seufzte. »Hör zu, ich weiß nicht, wer du bist. Das ist wohl der Hauptgrund. Diese ganze Verkleidungsgeschichte, okay, ich verstehe das. Du bist der absolute Superheld und willst nichts von dir preisgeben. Aber du musst einsehen, dass das ein bisschen gruselig ist. Ich meine, du könntest doch sonst wer sein, oder?«
»Hast du Angst vor mir?«
»Sollte ich?«
Er schüttelte den Kopf. »Ich habe nicht vor, dir wehzutun, Sarah.«
Ich runzelte die Stirn. »Das ist eine komische Art, das auszudrücken. Ein schlichtes Nein hätte genügt.«
»Wieso sollte ich dir die Kette geben, wenn ich zu den Bösen gehöre?«
»Das ist eine sehr gute Frage.« Ich zwang mich zu lächeln. »Offensichtlich bist du einer von den Guten. Denn ohne die Kette hätte ich eine Menge Ärger, richtig?«
Er nickte. »Insbesondere jetzt, wo die Hexe tot ist und den Fluch nicht mehr aufheben kann.«
»Genau.« Ich sagte einen Augenblick nichts und runzelte tief die Stirn. »Woher ... weißt du eigentlich, dass sie tot ist?«
»Wenn sie nicht tot wäre, bräuchtest du nicht die Kette, um einigermaßen normal zu sein, oder?«
Ich verschränkte die Arme. »Aber du wusstest, dass sie tot ist. Sie ist nicht einfach abgehauen. Sie hat sich nicht versteckt. Sie ist tot.«
Er atmete langsam aus. »Möglicherweise habe ich nur gut geraten?«
Mein Mund war wie ausgetrocknet, als ich an das silberne Messer dachte, das aus Stacys Brust geragt hatte. »Ich glaube, ich muss jetzt los.«
»Nein, Sarah, warte! Wir müssen reden.«
Ich räusperte mich. »Meinst du nicht, wir könnten das vielleicht auf einen anderen Abend verschieben? Ich habe so eine Art Verabredung.«
»Mit Thierry?«
Ich nickte. »Und er hasst es, wenn man ihn warten lässt.«
»Ja, das glaube ich gern. Aber ich fürchte, unsere Unterredung kann nicht warten. Ich möchte, dass du mich begleitest.«
Ich schüttelte den Kopf. »Das halte ich für keine gute Idee.«
»Du vertraust mir nicht.«
»Wieso sollte ich jemandem vertrauen, der sein Gesicht verbirgt? Hör zu, ich will ja nicht undankbar sein oder so. Ich bin wirklich dankbar, dass du mir die Goldkette geschenkt hast. Aber die Chance, dass ich dich begleite, wo auch immer du mit mir hin willst, ist wirklich gleich Null.«
Er sagte eine Weile nichts. »Würdest du dich anders entscheiden, wenn du wüsstest, wer ich bin?«, fragte er dann.
Ich musterte ihn skeptisch. »Das weiß ich nicht so genau. Wer bist du denn? Brad Pitt? Meine Freundin glaubt jedenfalls, du wärst Brad Pitt.«
Er schüttelte den Kopf. »Da muss ich sie enttäuschen.«
»Kenne ich dich denn?«
»Indirekt bestimmt.«
»Bist du einer von Thierrys Informanten? Oder einer seiner Leibwächter?«
Er schüttelte den Kopf.
Großartig. Er wollte Spielchen mit mir spielen. »Dann zeig mir dein Gesicht. Zeig mir, wer du bist, und eventuell bin ich dann ein bisschen entgegenkommender. Versprechen kann ich allerdings nichts.«
Er griff an seinen Schal, doch dann erstarrte er, als hätte er es sich noch einmal anders überlegt. »Vielleicht hast du recht. Heute Abend ist kein guter Zeitpunkt.«
Ich verdrehte die Augen. »Was? Traust du dich etwa nicht? Das hätte ich von dem Roten Teufel wirklich nicht erwartet.«
Er lachte. »Nein, das kann ich mir denken. Aber ... aber ich habe kürzlich etwas Schlimmes durchgemacht, und ich glaube nicht, dass du das verstehst.«
Ich runzelte die Stirn. »Was soll das heißen?«
»Ich war vor kurzem in einen fürchterlichen Unfall verwickelt. Mein Gesicht ... ist nicht mehr so wie früher.«
Ich hob erstaunt die Brauen. »Dein Gesicht? Trägst du deshalb diesen Schal? Bist du so eine Art Phantom der Oper?«
»So könnte man es wohl nennen.«
»Okay, ich habe den Film gesehen.« Ich hatte sogar die DVD, jedenfalls bis sich meine Wohnung in Rauch aufgelöst hatte. »Das Phantom ist ein guter Kerl, dem schlimme Dinge passiert sind. Ich verspreche, nicht zu schreien oder auszuflippen. Solange du nicht anfängst zu singen, kann ich mit allem leben.«
Der Blick seiner grünen Augen wirkte amüsiert, und der zweifelnde Ausdruck darin verschwand. »Ich werde den ganzen Abend nicht singen. So viel kann ich versprechen.«
So langsam wurde ich wieder warm mit dem Kerl, wenn auch nur ein bisschen. Er war einer von den Guten, dessen Gesicht nur ein bisschen entstellt war.
Außerdem stand ich gerade direkt neben dem Haven, so dass der nette Leibwächter von nebenan kommen würde, um mich zu retten, wenn ich schrie. Ich entspannte mich ein bisschen. Ein kleines bisschen, wohlgemerkt!
»In Ordnung, also los. Vergiss nicht, dass du darauf bestanden hast«, erklärte der Rote Teufel und wickelte langsam den schwarzen Schal von seinem Gesicht, um seine wahre Identität preiszugeben.
Mein Herzschlag, den ich jetzt wieder regelmäßig spürte, beschleunigte sich. Ich konnte nicht fassen, dass er es wirklich tat. Er zeigte mir, wer er war.
Als die vernarbte Haut zum Vorschein kam, presste ich die Lippen aufeinander. Die rechte Gesichtshälfte war schrecklich verbrannt. Die Verletzung zog sich den ganzen Hals hinunter, und ich vermutete, dass die ganze Körperhälfte davon betroffen war.
»O mein Gott«, stieß ich hervor. Mitleid mit dem armen Kerl durchströmte mich. »Wie ist das denn passiert?«
»Höllenfeuer«, erklärte er schlicht.
Ich runzelte die Stirn, musterte seine gesunde Gesichtshälfte, und plötzlich schien mein Herz wie ein Stein in dem kalten, dunklen Abgrund der Nacht zu versinken.
»Ach du meine Güte!«, stieß ich hervor, als ich ihn an der unversehrten, gut aussehenden Gesichtshälfte erkannte.
Amys Worte von vorhin klingelten laut in meinen Ohren.
»Höllenfeuer: Offenbar ist er restlos verbrannt. Es war nichts mehr von ihm übrig. Nur ein Sarg mit nichts darin außer ein Paar Schuhe.«
»Gideon Chase«, sagte ich laut, doch meine Stimme war kaum zu hören. »Wir dachten, du wärst tot.«
»Das bin ich doch, oder etwa nicht?« Er betrachtete mich mit einem leichten Grinsen, das seinem verletzten Gesicht ein gespenstisches Aussehen verlieh. »Denk daran, du hast versprochen, nicht zu schreien.«
Ich hatte jeden Muskel in meinem Körper angespannt. »Ein Mädchen hat das Recht, seine Meinung zu ändern.«
»Ist das so?««
Ich stolperte ein paar Schritte zurück und hielt abwehrend die Hände hoch. »Komm nicht näher.«
Er hob die eine Braue, die er noch besaß. »Wenn du schreist, fange ich an zu singen. Nichts ist unmöglich.«
Mein Hals war wie zugeschnürt, und ich war nicht sicher, ob ich überhaupt schreien konnte. Aber ich war mehr als bereit, es zu versuchen. Ich öffnete den Mund.
Bevor ich auch nur einen einzigen Laut von mir geben konnte, spürte ich ein brennendes Gefühl. Ich blickte hinunter auf meine Brust und zog einen kleinen Pfeil heraus. Ich starrte mit weit aufgerissenen Augen darauf, dann sah ich zu Gideon, der jetzt eine Waffe in der Hand hielt.
»Es wäre unkomplizierter gewesen, du wärst einfach mitgekommen, als ich dich darum gebeten habe, Sarah. Jetzt müssen wir es wohl auf die harte Tour machen.«
Es war ein Knoblauchpfeil. Knoblauch wirkte wie ein Beruhigungsmittel auf Vampire und gehörte zum Waffenarsenal eines durchschnittlichen Jägers, natürlich erst recht zu dem des Anführers der Jäger, der schon vor Wochen angekündigt hatte, nach Toronto zu kommen, um mich höchstpersönlich umzubringen.
Ich sackte langsam zusammen. Gideon war mit einem Schritt bei mir, um mich aufzufangen, bevor ich auf den Boden aufschlug, dann wurde die Welt um mich herum schwarz.